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SZ vom 18.02.1998

Zum Tode von Ernst Jünger

Immer bereit zu neuen Ausfahrten

Mit 102 Jahren ist der bis zuletzt umstrittene Schriftsteller gestorben, der über vier deutsche Epochen hinweg ein Abenteuerer im Zeitstrom blieb

Von Klaus Podak

München, 17. Februar – Jetzt hat er das dritte Jahrhundert doch nicht mehr geschafft, die Jahrtausendwende nicht begrüßen können. Das war sicher sein Ziel zuletzt: den Anbruch eines neuen Äons zu feiern – und sich selbst als einen Überwinder der Zeiten. Denn Ernst Jünger, den viele als kalt-distanzierten Beobachter und Schriftsteller mißdeutet haben, war ein leidenschaftlich magisch denkender Mensch, vom rieselnden Zeitstrom der Sanduhren seiner Sammlung fasziniert, einer mythischen Astrologie, die in Zeitaltern rechnete, hingegeben, der Zeichendeutung verfallen wie ein altrömischer Haruspex, der aus Blitzen und Eingeweiden die Zukunft vorhersagte.

Wie hat er triumphiert, als er 1986 – der 91jährige war eigens nach Malaysia geeilt – zum zweitenmal den Halleyschen Kometen gesehen hat, nachts, nach anfänglich trübem Wetter aufgeweckt von seinem Gastfreund. Das Ereignis, mit unbewaffnetem Auge wahrzunehmen, findet nur alle 76,2 Jahre statt. Beim erstenmal hatte der Vater ihm geweissagt, dieses Himmelswunder werde er nie wieder erfahren. Er hatte also gesiegt, über die Zeit, über die Prophezeiung des Vaters.

Mit einem Schlag berühmt

Schon längst war er sich selbst historisch geworden. Vier Geschichtsepochen hat er gesehen, von jeder ist er neu geprägt, aber im Kern doch kaum verwandelt worden. Als er am 29. März 1895 in Heidelberg geboren wurde, da herrschte das vom erwachenden Bewußtsein bald als stinklangweilig wahrgenommene Kaiserreich: brav, bürgerlich, dumpf, drückend. In dem Roman einer Jugend Die Zwille (1973) hat Jünger die lähmenden Miasmen jener Zeit beschworen, schwül lastende Pubertät, in deren unterstem Stockwerk der Wille zur Revolte, zur Anarchie kochte. Kein guter Schüler, zu verträumt, schlechte Zensuren, leidenschaftlich vertieft in Abenteuerromane. Auch in den Don Quijote vertiefte sich das Kind, die phantastische Mixtur aus wirrer Lektüre und heroischen Taten. Aufreizend wirkte Ariosts Orlando Furioso, die Heldentaten des Rasenden Rolands. Und im altisländischen Epos Edda begegnete ihm ein Sinnbild, das unauflöslich mit seinem Namen verbunden bleibt, solange, in Zuneigung und in Haß, seine Bücher gelesen werden: In Stahlgewittern wurde zum Titel des Weltkrieg-Tagebuchs, das er nur widerwillig, auf Drängen seines Vaters hin, veröffentlicht hatte und das ihn mit einem Schlag berühmt machte – und berüchtigt. Ein Mensch also, der aus Büchern, mit Büchern lebte, der im Schützengraben des Ersten Weltkriegs sich an den Umständlichkeiten des Tristram Shandy ergötzte. Ein süchtiger Leser, der im Alter bekannte, daß er, wenn kein Buch zur Hand war, zwanghaft die Anzeigen im Lokalblatt durchstudierte.

Im Jahr 1913 brennt er durch, zur Fremdenlegion, wo in der Vorstellungswelt des 18jährigen das wahre, das kämpferische Leben pulst. Er verpflichtet sich für fünf Jahre, gelangt bis ins algerische Sidi-bel-Abbès zur 26. Instruktionskompanie. Der Vater setzt verzweifelt alle Hebel in Bewegung, um den wild entschlossenen Abenteurer da rauszuholen. Nach sechs Wochen ist er wieder zu Hause, im Gepäck bringt er ein Photo mit, aufgenommen im Salon von Paris-Portraits in Bel-Abbès, theatralisch gehüllt ins Legionärsgewand – wie aus einem frühen Stummfilm. Die Prägung der heroischen Pose hat sich ereignet, der Leser hat sich in den Krieger verwandelt, in das pathetische Bild des zu allem entschlossenen Einzelgängers.

Die letzte Wahlheimat

Das wirkte nach, das blieb bestimmend durch alle Wandlungen. Ein antibürgerlicher Affekt spielt kräftig hinein, maßlose Verachtung allen Sicherheitsstrebens. Noch 1982, anläßlich der umstrittenen Ehrung mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt befragt nach einer Konstante seiner damals 87 Jahre, sagte Jünger: „Ich hatte immer eine Sehnsucht nach Wüsten und Urwäldern.“ Bei der Antwort kniff er das eine Auge etwas zu, hob die Braue des anderen hoch, und während er mit seiner etwas hohen, körperlosen Stimme diesen Satz aussprach, der sein Leben umschloß, starrte der alte Mann irgendwie visionär in die ordentliche Leere seiner letzten Wahlheimat im oberschwäbischen Wilflingen – wie bereit zu neuen Ausfahrten.

Weniger steil hat er in einer schriftlichen Erinnerung die Befindlichkeit seiner Jugend so ausgedrückt: „Ich fühlte mich meinem Wesen nach auf eine Weite und Freiheit des Lebens angelegt, von der ich wohl mit Recht vermutete, daß sie im bürgerlichen Deutschland nicht zu verwirklichen sei.“ Sie war nirgendwo zu verwirklichen, nicht in Stahlgewittern, nicht in der rauschhaft bluttrunkenen Prosa seines befremdlichsten, unangenehmsten Buches Der Kampf als inneres Erlebnis (1922). Tiefe, selbstzerstörerische Angstlust spricht da aus ihm, wenn er nach der Feier von Blutdurst und Grauen resümiert, was ihn bewegte in der „Flammenwüste“: „Das Grauen, die Angst, die Ahnung der Vernichtung und das Lechzen, sich im Kampfe völlig zu entfesseln.“ Dem Schreiber war es damals bitter ernst damit.

Den Beginn des Ersten Weltkriegs erlebte er als eine Befreiung, die eine ungeliebte Idylle erlösend außer Kraft setzte. Er saß mit zwei Dachdeckern zusammen: „Während wir auf dem von den Sonnenstrahlen erwärmten Dache saßen und plauderten, fuhr unten, wie gewöhnlich um diese Stunde, der Landbriefträger mit seinem Rade vorbei. Ohne abzusteigen, rief er uns die beiden Worte ,Mobilmachung befohlen!‘ zu, die wohl schon seit Stunden der Telegraph unaufhörlich über Stadt und Land verbreitete. Der Dachdecker hatte gerade seinen Hammer erhoben, um einen Schlag zu tun. Nun hielt er mitten in der Bewegung inne und legte ihn ganz sacht wieder hin. In diesem Augenblick trat ein anderer Kalender bei ihm in Gültigkeit. Er war ein gedienter Mann, der sich schon in den nächsten Tagen bei seinem Regiment zu stellen hatte. Meier war Ersatzreservist, auch ihm stand nun die Einberufung bevor. Ich faßte wie Hunderttausende in dieser Stunde den Entschluß, mich als Kriegsfreiwilliger zu beteiligen.“

Was in der Fremdenlegion mißglückt war, das klappt nun doch. Kein Wunder, daß der junge Abenteurer die Gelegenheit nicht ausläßt, sich tapfer hervorzutun. Das Stahlgewitter-Tagebuch, das davon ziemlich schnörkellos berichtet, schließt stolz mit dem Ergebnis: „An einem dieser Tage, es war der 22. September 1918, erhielt ich vom General von Busse folgendes Telegramm: Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le mérite verliehen. Ich beglückwünsche sie im Namen der ganzen Division.“

Nun war er offiziell ein Held, Vorbild für viele, die kaputt und gedemütigt aus den Materialschlachten in ein kaputtes Land zurückgekehrt waren. Natürlich gehörte Jünger zu den glühenden Verächtern des Versailler Vertrags. Die Weimarer Republik sah ihn auf der Seite der Nationalkonservativen, kämpferisch meist in Worten und zutiefst antidemokratisch gesinnt. Die zweite historische Epoche, die er erlebte und in Teilen durch publizistische Arbeit auch prägte, ist in seinem Leben und in seinem Werk die fragwürdigste gewesen. Er verfaßte Pamphlete, in denen antisemitische Töne nicht fehlen. Den Annäherungsversuchen des Gefreiten Hitler hat er allerdings mit bemerkenswerter Zivilcourage widerstanden. Sie wollten den damals elitär-arroganten Pour-le-mérite-Träger als Reklamefigur einsetzen, schreckten, als sie seiner Weigerung gewahr wurden, allerdings davor zurück, ihn zu demontieren.

Zeitalter des Arbeiters

Jünger studiert Naturwissenschaften, hört Philosophievorlesungen bei dem Vitalisten Hans Driesch, versenkt sich in ein zoologisches Praktikum, begibt sich 1925 zu einem Praktikum an die Zoologische Station in Neapel. 1932 erscheint ein Buch von ihm, das man als sein philosophisches Hauptwerk lesen muß: Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. Darin verabschiedet er den Krieger als die welthistorisch bestimmende Figur, stellt ihm in mythisch-heroischer Sprache das Zeitalter des Arbeiters entgegen, in dem alles hineingezogen wird in rasende Prozesse grenzenloser Produktion. Mit kalter Leidenschaft beschreibt Jünger Konsequenzen der Moderne, die er nicht wünscht, deren Unausweichlichkeit er aber fatalistisch konstatiert.

Im Herbst 1939 erscheint ein Buch, an dessen allegorischer Verschlüsselung er jahrelang gearbeitet hat: Auf den Marmorklippen. Vielen gilt es noch heute als ein Werk des inneren Widerstands gegen die Nazis. Und man kann es so lesen, so war es gemeint. Was dort in den „Schinderhütten“ geschieht, das entlarvte den Kundigen, trotz seiner manchmal allzu edlen Symbolsprache, die verbrecherischen Machenschaften der Nationalsozialisten. Sie erwogen ein Verbot.

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die er wieder als Soldat in hohen Funktionen mitmachte, hat Jünger in seinem wohl besten, differenziertesten Werk, den Kriegstagebüchern Strahlungen beschrieben. Sie sind, bei allem Protest, den sie wegen ihrer vermeintlichen Kälte hervorgerufen haben, ein bedeutendes Dokument dieses Jahrhunderts. Keiner wird voll verstehen können, was sich im Inneren der Wehrmacht, im Umkreis des sich formierenden Widerstands der Offiziere abspielte, der dieses Aufzeichnungen nicht vorurteilslos wahrgenommen und analysiert hat. Sie bezeichnen die dritte Epoche der Geschichte, in die Jünger verstrickt war. Bei den Nazis hatte er sich endgültig verdächtig gemacht. 1942 wurde er mit einem Publikationsverbot belegt. Es gab einfach kein Papier mehr für seine Bücher. Als Ergebnis seiner Erfahrungen in zwei Weltkriegen verfaßte Jünger die Programmschrift Der Friede, die früh schon in Offizierskreisen kursierte, Rommel soll sie geschätzt haben. Erschienen ist diese Vision eines Weltstaats, an der Jünger von da an eigensinnig festhielt, 1946 in Amsterdam.

Experimente mit Drogen

Die vierte historische Epoche, die letzte, die Zeit der Bundesrepublik. Nun war er einer der umstrittensten Schriftsteller überhaupt, was ihn aber wenig scherte. Nach Zwischenstationen fand er im Verborgenen den Alterssitz, im schönen Gebäude einer ehemaligen Försterei in Wilflingen, im – wie er immer wieder mit Stolz in der Stimme betonte – „Schatten des Stauffenbergschen Schlosses“. Dort erreichten ihn spät die offiziellen Ehrungen, die er mit Gleichmut hinnahm. Der Bundeskanzler besuchte ihn, Mitterrand war dort, der gestand, Jünger sei einer seiner Lieblingsschriftsteller. Der Ruhm des gewandelten Kriegers war in Frankreich ständig und unangefochten gewachsen. Und Jüngers größter Stolz war es, daß Verdun, das sich zur „Hauptstadt des Friedens“ erklärt hatte, ihn zum Ehrenbürger machte.

Jünger hatte immer wieder mit Drogen experimentiert, Albert Hoffmann, der Erfinder des LSD, war sein Freund. Zusammen warfen sie sich im nichtsahnenden Wilflingen Trips ein. In seinen letzten Jahren, als Jünger immer wieder in seinen Tagebüchern die Nähe des Todes umkreiste, erwog er die Möglichkeiten, den „Übergang“, die „Große Passage“ mit Hilfe von Drogen festlich zu gestalten. Da war er wieder, der alte Traum vom Rausch, von der ekstatischen Feier des Lebens. Am Ende erschien ihm Opium als die große Möglichkeit, das Zeitalter, den Äon, nun endgültig zu überschreiten. Wir müssen gar nicht wissen, ob dies nun so Wirklichkeit geworden ist. Aber der Wille, auf diese Weise Abschied zu nehmen, zeigen des rätselhaften Alten noch einmal als den bis zuletzt antibürgerlichen Einzelgänger – oder, um den Titel zu nennen, den er hochmütig für sich selbst geprägt hat: als Anarchen. Das ist, im Unterschied zum Anarchisten, kein Mensch, der politische Botschaften für andere bereithält, sondern für sich allein eine Haltung gefunden hat, die sich nur insgeheim, im bürgerlichen Zeitalter in der Form eines Doppellebens verwirklichen ließ: die der leidenschaftlichen Ablehnung jeder Herrschaft anderer über dieses abenteuerliche Herz.

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